Interview

Wettlauf um Altkleider

Altkleider sind ein Riesengeschäft, mit Spenden hat das oft wenig zu tun. Foto: Ellen Köhrer

Pro und Contra Alkleidersammlungen

Wir Deutschen spenden jedes Jahr 750.000 Tonnen gebrauchte Kleidung. Damit könnte man eine LKW-Schlange von Kiel bis München befüllen. Ich fragte beim Dachverband FairWertung, einem bundesweiten Netzwerk von gemeinnützigen und kirchennahen Organisationen, nach, was mit unseren Altkleidern passiert. Ein Interview mit Thomas Ahlmann von FairWertung über Geschäfte mit Altkleidern und welche Kleiderspenden bei Bedürftigen tatsächlich ankommen. 

Bei H&M können Kunden jetzt ihre Altkleider abgeben, sie bekommen pro Tüte 15 Prozent Rabatt beim Kauf von Neuware. Was steckt dahinter?
Thomas Ahlmann: Wir halten solche Sammelaktionen von Modeketten für Marketing. Sie wollen damit Kunden an sich binden und ein grünes Image aufbauen. Einen Zusatznutzen für die Umwelt sehen wir nicht, denn es gibt bereits ein flächendeckendes Netz von Altkleidersammlungen in Deutschland.

Was passiert mit diesen Altkleidern?

Die Sachen werden, genauso wie die Kleidung in den Altkleidersammelcontainern, an gewerbliche Textilverwerter verkauft. Sie werden in großen Betrieben per Hand nach Qualitäten und Sorten sortiert. Die guten Sachen, etwa 45 Prozent, werden weltweit verkauft. 35 Prozent der Sammlung werden recycelt, daraus werden dann beispielsweise Dachpappen oder Autoinnenverkleidungen gemacht. 10 Prozent wird zu Putzlappen verwertet. Die vollkommen unbrauchbaren Sachen werden verbrannt.

Sind Altkleider aus Deutschland Schuld, dass die Textilproduktion in Afrika kaum mehr existiert?

Wir denken, dass man das differenzierter sehen muss. Die afrikanischen Bekleidungs- und Textilhersteller konkurrieren vor allem mit asiatischen Billigimporten. Secondhandkleidung hat zudem auch positive Effekte. Viele Menschen in Afrika leben heute vom Handel damit. Secondhandkleidung ist beliebt und gefragt. In manchen Ländern ist es mehr als die Hälfte der Menschen, die Secondhandkleidung trägt. Sie ist preiswert und hat teilweise sogar eine bessere Qualität als Billigimporte aus Asien.

Wenn ich meine Altkleider an Bedürftige in Deutschland spenden möchte, wo kann ich sie dann hinbringen?

Man kann seine Altkleider direkt in Sozial- und Gebrauchtwarenkaufhäusern abgeben. Dort werden die Sachen beispielsweise für die Obdachlosenhilfe sortiert oder im eigenen Secondhandladen an Bedürftige verkauft. Bei Containersammlungen von gemeinnützigen Organisationen wird die dort gesammelte Ware komplett und ungeöffnet an Sortierbetriebe weiterverkauft. Der Erlös kommt den Organisationen zugute. Das ist auch nicht verwerflich, denn die gesammelten Altkleider übersteigen in Deutschland den Bedarf für soziale Zwecke um ein Vielfaches. Deswegen verkaufen auch die sozialen Organisationen ihre Überschüsse.

Man hört immer wieder von illegalen Altkleidersammlungen. Wie unterscheidet man seriöse von unseriösen Sammlungen?
Um die aussortierten Textilien findet ein sehr harter Konkurrenzkampf mit sehr viel Intransparenz statt. Schätzungsweise gibt es heute 15.000 bis 18.000 illegal aufgestellte Container von dubiosen Sammlern in Deutschland.

Stimmt es, dass Hilfsorganisationen zum Teil gar nicht selbst Container aufstellen, sondern ihr Logo an Firmen vermieten, die dann auf den Sammelcontainern draufstehen?

Ja, diese Praxis gibt es. Wir lehnen das ab, wir haben in unseren Standards explizit stehen, dass unsere Mitglieder ihre Namen oder ihr Logo einem anderen Sammler nicht überlassen. Einige Sammler versehen ihre Sammlung auch mit Aufdrucken, die denen von Hilfsorganisationen ähneln. Vermutlich um sich einen gemeinnützigen Anschein zu verleihen. Diese Praxis ist auch einer der Gründe, warum sich der Verband FairWertung 1995 gegründet hat. Wir wollen uns klar von dubiosen und intransparenten Methoden abgrenzen.
 Für den Verbraucher ist es relativ schwer zu erkennen, ob es sich um eine seriöse gemeinnützige Sammlung handelt oder nicht. Der Name der Organisation sollte auf den Containern stehen, ebenso Anschrift und Telefonnummer. Am besten man ruft an und fragt nach, was mit der Kleidung passiert und wer davon profitiert. Fehlen diese Angaben oder geht niemand ans Telefon, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine unseriöse Sammlung.

Wie kann ich noch erkennen, ob die Sammlung seriös ist?

Eine Orientierungshilfe ist das Logo FairWertung auf Sammlungen oder Containern. Das Zeichen auf Sammlungen stellt sicher, dass mit den Altkleidern gemeinnützige Zwecke unterstützt werden und dass die Sortierung sach- und fachgerecht verläuft.

Wie kann ich herausfinden, wo bei mir in der Nähe ein Sammelcontainer mit dem Logo von FairWertung steht?

Man kann die Standortabfrage über unsere Homepage machen. Einfach eine E-Mail mit der eigenen Postleitzahl an uns schicken.

Die Wegwerfmentalität von billiger Massenware muss aufhören. Umweltbewusstsein hält auch in der Modebranche Einzug. Die ersten Modedesigner entwerfen jetzt aus Altkleidern neue modische Kleidung und nennen den Trend Upcycling. Was kann man sonst noch tun, wenn man sich nachhaltiger kleiden will?
Als Faustregel kann man sagen, dass alle Sachen, die länger getragen werden, die Umwelt schonen. Daher sollten wir alle schon beim Kauf auf gute Qualität achten. Vielleicht auch selbst einmal Secondhandkleidung kaufen und tragen. Vintage- oder Secondhandkleidung vom Flohmarkt oder aus dem Secondhandladen gilt in vielen Metropolen der Welt als absolut hip. In Teilen von Deutschland hat Secondhand aber noch ein bisschen das Stigma der Studentenbekleidung oder Kleidung für arme Menschen. Wir wünschen uns, dass sich das bald ändert.
Auch gibt es tolle neue Ideen neben dem Mainstream. So haben in Hamburg zwei Studentinnen die Kleiderei eröffnet, einen Laden, wo man modische Kleidung ausleihen kann und wieder zurückbringt, wenn man sie nicht mehr braucht (Anmerkung: die Kleiderei gibt’s jetzt auch in Berlin). Auch finden immer mehr Tauschbörsen unter Freunden oder in Schulen statt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Wir hoffen natürlich, dass die Menschen auch in Zukunft mit ihren aussortierten Textilien gemeinnützige Zwecke unterstützen. Viele gemeinnützige Organisationen sind auf diese Spenden angewiesen.
Ein zweites Ziel von uns ist, den Secondhandmarkt in Deutschland weiter zu fördern. Secondhandkleidung sollte in Deutschland aus dieser muffigen Ecke herauskommen. Wir wollen dazu beitragen, dass mehr Leute Secondhandkleidung kaufen, auch aus nachhaltigen Gründen.

Herr Ahlmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

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