Interview, Mode

Fashionweek: Countdown

Kirsten Brodde (Mitte) eröffnet die aktuelle Ethical Fashion Show in Berlin und schaut sich die Messe an. Foto: Ethical Fashion Show Berlin/Messe Frankfurt

„Die Kleinen treiben die Großen“

Zur Einstimmung auf die Fashionweek Berlin vom 14.-19. Januar: mein Interview aus enorm mit der Greenpeace-Aktivistin und Bloggerin Kirsten Brodde: Über Textilketten, die mit günstigen grünen Kollektionen locken und skeptische Verbraucher. Brodde erkärt, was sich in Politik und Unternehmen ändern muss und warum sie trotz aller Schwächen eine Verfechterin von Siegeln ist

Frau Brodde, haben die kleinen grünen Unternehmen einen positiven Einfluss auf die Großen? Immerhin habe diese Millionen von Kunden und verfolgen ganz andere Ziele und Trends.
Sie treiben die Großen voran. Denn die sehen, dass es Kunden für dieses kleine grüne Angebot gibt, das eben nicht jede Woche erneuert. Kunden, die lieber ein paar Euro mehr für ein Kleidungsstück ausgeben und dafür eins weniger kaufen. Solide ist das neue Cool. Grundsätzlich ahnen eigentlich alle, das es unglaublich schwer wird, die Umwelt wirklich zu entlasten, wenn wir weiter im gleichen Tempo Klamotten einkaufen. Viele Leute beginnen bereits ihren Modekonsum zu überdenken und kreativer mit Kleidung umzugehen, Secondhand zu kaufen, zu tauschen, zu teilen, zu leihen. Optimistisch betrachtet, könnte man sagen, dass diese sichtbare Gegenbewegung zeigt, dass die Textildiscounter, die uns animieren, Kleidung als Wegwerfware zu sehen, bereits ihren Zenit überschritten haben.

Die  zahlreichen Modelabels für nachhaltige Baumwolle verunsichert den Verbraucher: Biobaumwolle, Fair Trade Baumwolle, Cotton made in Africa oder Baumwolle von der Better Cotton Initiative. Welche Baumwolle ist die beste?
Gute Baumwolle ist ein schwammiger Begriff. Streng genommen ist das nur Biobaumwolle, also Baumwolle aus ökologischem Anbau. Richtig ist aber auch, dass man den Bauern eine langfristige Abnahmegarantie und einen fairen Preis geben muss, sonst lohnt sich die Umstellung für sie nicht. Denn die Umstellung von herkömmlicher Baumwolle zu Biobaumwolle dauert drei Jahre, erst dann dürfen die Bauern ihre Baumwolle als zertifizierte Biobaumwolle vermarkten. Für mich ist allerdings auch Fairtrade-Baumwolle glaubwürdig, wenn diese Baumwolle auch nicht automatisch aus Öko-Anbau stammt.

Es gibt auch noch Siegel zu Chemikalien oder welche, die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten prüfen. Wie soll man da durchblicken?
Momentan muss sich der Verbraucher letztendlich selbst entscheiden, was ihm davon am wichtigsten ist: Ob er ein Textil aus einem Rohstoff aus ökologischem Anbau möchte. Ob er ein Produkt will, was darüber hinaus auch in der Produktion giftfrei geblieben ist. Oder ob er – nach diesen schrecklichen Bildern vom Fabrikeinsturz in Bangladesch mit über 1100 Toten – will, dass die Menschen in der Näherei fair bezahlt werden und nicht in Fabriken knechten müssen, die sie unter sich begraben. Aber letztendlich sind es vier oder fünf vertrauenswürdigen Siegel, die man kennen und unterscheiden muss.

Der Konzern H&M will ein eigenes Siegel zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen entwickeln. Brauchen wir noch mehr Siegel?
Ich bin eine Verfechterin von Siegeln. Wenn ich von Verbrauchern möchte, dass sie grüne Textilien kaufen, die unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden, dann müssen sie einfach erkennbar sein. Wenn H&M jetzt ankündigt, sie machen ein eigenes Fairness-Siegel, dann muss ich H&M leider sagen, bei allem Respekt, das wird euch nichts nützen, denn die Leute trauen euren selbstgemalten Siegeln nicht. 75 Prozent der Verbraucher in Europa sagen, ja, sie wollen Siegel sehen. Gleichzeitig misstrauen sie aber den Beteuerungen der großen Unternehmen und selbstgemalten Zeichen.

Wie könnte man den Siegeldschungel vereinfachen?
Man braucht mehr Orientierung für den Verbraucher. Ich finde es sinnvoll, dass man analog zum Bio-Siegel bei Lebensmitteln ein Zertifikat schafft, das auf hohem Niveau alles umfasst: Ökologisch  optimierte Rohstoffe, keine giftigen Chemikalien im gesamten Produktionsprozess und faire Arbeitsbedingungen. Und dass dieses Siegel staatlich anerkannt wird. Es muss ein Zeichen sein, das international gilt, die Textilproduktion ist ja globalisiert. Gerade wird in Deutschland diskutiert, ob man das bestehende und ökologisch sehr starke GOTS-Siegel beim Thema Soziakriterien nachbessert.

Machen die Unternehmen da mit?
Die Unternehmen wollen sich eigentlich nicht diktieren lassen, dass sie ein einziges strenges und striktes Siegel für alles akzeptieren sollen. Andererseits suchen sie Orientierung, etwas an dem sie ihre Bemühungen messen und sichtbar machen können. Das finde ich legitim.

Mehr über  große Textilketten und ihre nachhaltigen Kollektionen gibt’s hier auf dem Blog bei Cool und Fair! 2. Alles über kleine Pioniere-Labels könnt Ihr bei Cool und Fair!1 lesen. Oder ihr besorgt Euch die enorm-Ausgabe vom Oktober mit der kompletten Geschichte und dem Fair Fashion-Booklet.

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