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Cool und Fair! 2

Foto: Ellen Köhrer

Foto: Ellen Köhrer

Groß – und trotzdem gut?

Die Textilketten sind die größten Abnehmer von nachhaltiger Baumwolle. Kunden müssen aber genau hinsehen. Wie ernst es den Fast Fashion-Produzenten und -händlern wirklich ist mit ihren nachhaltigen Kollektionen könnt ihr hier in Cool und Fair! 2 aus enorm lesen. 

Bruno Pieters, 38, ist der Sprung von der Fast Fashion zur Slow Fashion gelungen. Drei Jahre lang war er Designer bei Boss. Dann nahm er sich eine Auszeit und ging nach Indien. Im letzten Jahr meldete sich der Belgier zurück, mit seinem eigenen Label. Honestby heißt es, es ist minimalistisch und, vor allem, transparent. Auf der Webseite Honestby.com kann man nachlesen, woher die Stoffe, Knöpfe, Reißverschlüsse und selbst die Preisschilder stammen, wo genäht wurde und was das im Detail kostet. Das ist klug gemacht und schafft Vertrauen. Nachahmer wird es aber wohl kaum finden. Zumindest unter den Textilketten und Handelshäusern nicht.
Slow Fashion ist hier nicht angesagt. Es geht um große Stückzahlen, Millionen von Kunden und Geschwindigkeit. Je eher ein Modetrend den Weg vom Laufsteg einer internationalen Schau ins Regal findet, desto größer der Vorsprung vor der Konkurrenz.

Aber der Druck wächst. Im Westen fragen Kunden und Medien immer häufiger nach der Herkunft der Rohstoffe und den Arbeitsbedingungen, in Bangladesch streikten Mitte September 50000 Näherinnen mehrere Tage lang. Dann gingen sie auf die Straße und griffen Fabriken an. Einen Mindestlohn von 8000 Taka im Monat fordern sie, rund 75 Euro, und Nazma Akter, Präsidentin der Vereinigten Gewerkeschaften der Textilarbeiter sagt: „Wir werden nicht zögern, alles zu tun, um unsere Forderungen umzusetzen.“

Ende letzten Jahres, nach einem Brand mit 112 Toten, hatte sie im Gespräch mit enorm erklärt: „Die Toten in den Fabriken, ich kann nicht sagen, dass sie gestorben sind. Sie wurden ermordet.“ Ein paar Monate später stürzte das achtstöckige Rana Plaza Gebäude ein. Mehr als 1100 Arbeiter verloren ihr Leben.
Die internationalen Ketten und Händler versprechen seit Jahren mehr Nachhaltigkeit. Sie haben ihr Sortiment erweitert oder zum Teil umgestellt. Wer ökofaire Kleidung sucht, soll auch bei ihnen fündig werden, so die Idee. Doch was bekommt man bei H&M, Otto, Zara, Esprit, C&A, S. Oliver, Tchibo und Galeria Kaufhof? Enorm hat bei den Unternehmen nachgefragt. Persönlich äußern wollte sich nur Tchibo, alle anderen antworteten auf die Fragen schriftlich und verwiesen auf ihre Nachhaltigkeitsberichte. Zara schickte lediglich einen 38-seitigen Auszug aus dem letzten Geschäftsbericht.

Alle Befragten bekannten sich zu fairen Arbeitsbedingungen, Umweltschutz, weniger Chemikalien und dem Ausbau ihrer Kleidung aus nachhaltiger Baumwolle. H&M, C&A und Otto planen, bis 2020 nur noch nachhaltige Baumwolle zu verwenden. Tchibo und Esprit äußern sich verhaltener. Sie wollen sich nach dem Angebot auf dem Weltmarkt richten. Allerdings muss man differenzieren. Nicht überall ist der Anteil nachhaltiger Baumwolle am Gesamtsortiment gleich hoch – und reine Biobaumwolle ist damit längst nicht immer gemeint.
Spitzenreiter unter den befragten Unternehmen ist C&A. Im Geschäftsjahr 2012/2013 verkauften die Holländer über 20 Millionen Textilien aus Biobaumwolle – 150 Prozent mehr als im Vorjahr und deutlich mehr als geplant. Damit stieg deren Anteil bei C&A auf 28 Prozent.

H&M hat seiner Linie einen eigenen Namen gegeben. „Conscious Cotton“ heißt sie, das soll das veränderte „Bewusstsein“ und den umweltbewussten Anbau verdeutlichen. Bio-Qualität verkauft der schwedische Konzern aber nicht. Die Baumwolle ist nach den Kriterien der „Better Cotton Initiative“ (BCI) angebaut, einer Initiative von Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen. Immerhin: Die Produktion benötigt 20 Prozent weniger Wasser und 40 Prozent weniger Pestizide als herkömmliche Baumwolle. H&M verwendete im letzen Jahr 7,8 Prozent Baumwolle der BCI-Baumwolle und war damit der weltweit größte Abnehmer. Allerdings sind die verkauften T-Shirts selten zu 100 Prozent aus BCI-Baumwolle.

Esprit verwendet für seine Kollektionen beides: BCI- und Biobaumwolle. Letztere ist mit dem unabhängigen „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) zertifiziert, der hohe Anforderungen stellt und neben der Schadstoffbelastung eines Produkts auch soziale Kriterien überwacht. „Wo ‚Organic Cotton’ draufsteht, kann der Kunde sicher sein, dass die Kleidung zu 100 Prozent aus Biobaumwolle besteht“, sagt Charles Dickinson, Head of Global Quality Managment & Sustainability. Allerdings macht die nachhaltige Baumwolle weniger als zehn Prozent des Gesamtsortiments aus – präziser will der Konzern den Anteil nicht beziffern. „Wir mischen jedoch keine nachhaltige mit herkömmlicher Baumwolle“, betont Dickinson.

Die fränkische Textilkette S. Oliver verkaufte 2012 eine halbe Million T-Shirts aus nachhaltiger Baumwolle der Initiative „Cotton made in Africa“ (CmiA), das entspricht drei Prozent der insgesamt verkauften T-Shirts. CmiA ist eine Initiative von Textilwirtschaft, Nichtregierungsorganisationen und des Bundesministeriums für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch das ist keine reine Biobaumwolle, die afrikanischen Bauern werden jedoch mit „Hilfe zur Selbsthilfe“-Programmen zu umweltbewussterem Handeln und einem geringeren Pestizidverbrauch geschult.

Tchibo verkaufte im Sommer die erste Wäschekollektion „Natürlich wohlfühlen“ aus 100 Prozent Biobaumwolle. Die Baumwolle trägt die Zertifikate OE100 für Produkte mit mindestens 95 Prozent Bioanteil und OE Blended mit einem geringeren Anteil. Die gesamte Bilanz des Kaffeehändlers: 25 Prozent aller verkauften Textilien bestanden im vergangenen Jahr aus Organic Cotton (19 Prozent) oder Cotton made in Africa (6 Prozent). Damit rangiert Tchibo unter den Top 3 der weltweiten Abnehmer. Für 2013 plant der Konzern, den Anteil auf 40 Prozent zu erhöhen.
Auch Otto setzt auf einen Mix. 31 Prozent von Ottos Baumwollkleidung ist aus Biobaumwolle und CmiA-Baumwolle gefertigt. Anja Dillenburg, Bereichsleiterin Corporate Responsibility, sagt, dass Kunden im Bereich Damenoberbekleidung und Herrenbekleidung mit dem Kauf jedes dritten Baumwollartikels die CmiA unterstützen. „2014 wird es die Hälfte sein“.

Wer bei Galeria Kaufhof auf der Suche nach nachhaltiger Kleidung ist, findet sie dem Label „Natürlich Galeria“. Rund 1200 Artikel sind zurzeit gelistet, das Angebot umfasst vor allem Baby- und Kinderkleidung, Tages- und Nachtwäsche, Strümpfe, Bettwäsche und Handtücher. Darunter sind sowohl Eigenmarken als auch Textilien von Markenherstellern, sagt Marion Sollbach, Leiterin Nachhaltigkeit. „Momentan liegt der Anteil im niedrigen einstelligen Bereich. Wir wollen das Angebot an Textilien nach diesem Standard jedoch weiter ausbauen“, sagt Marion Sollbach, Leiterin Nachhaltigkeit, „vor allem bei Produkten für Kinder und hautnahen Produkten“. Kleidung mit dem „Natürlich Galeria“-Label enthält Fair-Trade-Baumwolle oder Baumwolle nach BCI- und CmiA-Standard.

Bei Zara ist man am wenigsten auskunftsbereit. Der Geschäftsbericht erzählt eine Menge über die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Kontrollen der Zulieferer, nachhaltige Logistik, effiziente Läden und das Reduzieren von Müll. Nur nebenbei erwähnt er, dass im letzten Jahr 4,2 Millionen Artikel aus Biobaumwolle verkauft wurden. Wie hoch dieser Anteil am Sortiment ist und ob sie mit anderen Standards vermischt wird, darüber gibt es keine Auskunft.

Und wie ist der Versuch zu bewerten, aufgetragene Kleidungsstücke zurückzunehmen? H&M sammelt seit Februar 2013 Altkleider. Pro abgegebener Tüte erhalten Kunden einen Preisnachlass von 15 Prozent auf den Kauf neuer Ware. Langfristig will H&M nach eigenen Aussagen einen geschlossenen Kreislauf aufbauen und Textilfasern im größeren Umfang wiederverwenden oder recyceln. Wolle, Polyester, Polyamid, PET, Polyethylen und Tetra Pak werden bereits recycelt und zu Schmuck, Accessoires und anderen Produkten verarbeitet.
Kirsten Brodde, Buchautorin, Bloggerin und verantwortlich für die „Detox“-Kampagne von Greenpeace, sagt: „Die Mengen, die H&M ständig produziert, sind ihr wunder Punkt. Das haben sie wohl erkannt und überlegt, wie sie das abmildern können.“ Zu einer guten Ökobilanz eines Unternehmens gehöre es, dass es seine auf den Markt gebrachten Produkte wieder zurücknimmt. „Dass H&M das ausgerechnet mit einem Einkaufsgutschein koppelt, führt die gute Idee ad absurdum.“
Thomas Ahlmann von FairWertung, einem Netzwerk gemeinnütziger und kirchennaher Alkleidersammlungen, kommt ebenfalls zu einem eindeutigen Urteil: „H&M will damit Kunden an sich binden und ein grünes Image aufbauen“, sagt er. „Einen Zusatznutzen für die Umwelt sehen wir nicht, denn es gibt bereits ein flächendeckendes Netz von Altkleidersammlungen in Deutschland.“

Auch in einem anderen Punkt bleibt das Engagement zweifelhaft. Von den befragten Unternehmen gab nur Tchibo an, auf langfristige Beziehungen zu seinen Partnern und Lieferanten setzen zu wollen. Anonymität aber, so Kristen Brodde, „verursacht viele Probleme“. Tchibo verspreche sich wahrscheinlich eine bessere Qualität seiner Produkte, „die Lieferanten können die Bestellmengen besser kalkulieren und müssen keine Aufträge mehr untervergeben. Ein Gewinn für beide Seiten“.
Für die Konzerne hingegen kann es von Vorteil sein, sich nicht auf feste Beziehungen einzulassen. Man ist flexibler, kann schneller reagieren und sich, nachdem die Aufmerksamkeit auf die Textilbranche in Bangladesch größer geworden ist, andere Partner suchen. Im Nachbarland Myanmar, das sich seit zwei Jahren in einem Übergangsprozess zur Demokratie befindet, schießen die ersten Textilfabriken aus dem Boden. Und H&M prüft, ob man künftig in Äthiopien produzieren kann. Beides wäre vor allem eins: billiger

Wer Cool und Fair! 1 noch nicht gelesen hat, kann das hier nachholen. Das ausführliche Interview mit Kirsten Brodde aus dem enorm-Artikel, findet Ihr hierOder ihr besorgt Euch die enorm-Ausgabe vom Oktober mit der kompletten Geschichte und dem Fair Fashion-Booklet.

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