Accessoires, Labels, Mode, Trends

Cool und Fair! 1

Jeans leasen statt kaufen – Mud Jeans aus den Niederlanden macht vor, wie das geht. Foto: Mud Jeans

Kleine Labels, ganz groß

Nachhaltige Labels sind die Pioniere der Modebranche. Mit ihren Innovationen zeigen sie, wie wir uns in Zukunft anziehen. Im Oktober habe ich darüber im Magazin enorm geschrieben, jetzt könnt Ihr hier meinen Artikel – der Länge wegen in zwei Teilen – lesen. In Teil 2 erfahrt Ihr dann mehr über die großen Textilketten und ihre nachhaltigen Kollektionen.

Neu kann ganz schön alt aussehen. Bei Jeans zum Beispiel. Löcher, Risse, Verwaschungen – manche Hersteller geben sich viel Mühe, ihre Modelle so aussehen zu lassen, als hätte ein Maurer sie ein Jahr lang bei der Arbeit getragen.
Bert van Son, 52, hält davon wenig. Nicht, dass seine Jeans nicht auch einen gewissen „Used-Look“ mitbringen, so wie sein dunkles Modell, das er heute zum Streifenhemd trägt. Aber er hat einen smarteren Weg gefunden, Jeans auf alt zu trimmen. Er überlässt das seinen Kunden – die seine Hosen wiederum leasen.
„Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten Industrien überhaupt“, sagt der Niederländer. Knapp drei Jahrzehnte hat er in der Textilbranche gearbeitet. „Wir müssen Ressourcen sparen, das sind wir unseren Kindern schuldig.“ Van Son glaubt an die Kreislaufwirtschaft und will der Konkurrenz zeigen, dass sie profitabel und langfristig ein Wettbewerbsvorteil sein kann. In seiner Heimat hat er vor zwei Jahren das insolvente Label Mud Jeans übernommen und bereits 1500 Leasing-Verträge abgeschlossen. Jetzt erschließt er den deutschen Markt.
Wer eine Jeans least, bezahlt ein Jahr lang fünf Euro pro Monat plus eine Anzahlung von 20 Euro, also 80 Euro. Anschließend gibt es drei Optionen: Man gibt die Jeans zurück. Oder man wählt ein neues Modell, trägt die Versandkosten von 7,50 Euro und bezahlt wieder zwölf Monate lang fünf Euro. Wer die Jeans so lange tragen möchte, wie er will, bezahlt noch einmal vier Monate lang ein Pfand von fünf Euro. Die Hose bleibt auf jeden Fall Eigentum von Mud Jeans.
Die Biobaumwolljeans mit Fair-Trade-Zertifikat und GOTS-Siegel werden in kleinen Betrieben in Italien produziert. Die zurückgegebenen Jeans werden entweder wieder verleast, aufgetrennt und zu Bermudas oder sie werden verfasert und zusammen mit neuer Biobaumwolle zu einer neuen Jeans. „Mit meinem Konzept will ich einen Kaufanreiz schaffen und zeigen, dass nachhaltige Mode für jeden erschwinglich ist“, sagt Bert van Son.

Mit dieser Idee ist er nicht der einzige, schon gar nicht an diesem Sommertag im Juli in Berlin. Mehr als 100 nachhaltige Labels sind in die Hauptstadt gekommen, um ihre Kollektionen während der Fashion Week vorzuführen. Sie präsentieren sich in einer holzgetäfelten Suite des Hotels Adlon, oder, wenn es um Streetwear geht, im E-Werk, einem ehemaligen Heizkraftwerk mit Backsteincharme, nur einen Steinwurf entfernt. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung trugen 2012 nur 3,7 Prozent der verkauften Textilien ein Öko-Label. Aber während die herkömmlichen Marken stagnieren, wächst das grüne Segment. Und hier kann man sehen, warum das so ist.
Die Mode ist edel, sportlich, oder casual und von konventioneller Kleidung nicht mehr zu unterscheiden. Selbst wenn sie aus Müll hergestellt wurde, wie es die drei Designer von Aluc machen. Kennengelernt hat sich das Trio in London, bei den Upcycling-Pionieren „From Somewhere“. Nach ihrem Workshop nahmen sie die Idee zurück mit nach Deutschland. Jetzt kaufen sie Reststoffe der österreichischen Getzner Textil AG auf und schneidern Herrenhemden, Blusen und Blusenkleider. „Wir wollten weg von den klassischen Moderhythmen und ein Produkt machen, das sich das ganze Jahr verkaufen lässt“, sagt Luise Barsch, 28, blonder Bubikopf und Nasenring.

Upcycling für Fortgeschrittene: Aluc entwerfen Hemden und Blusen mit abknöpfbarem Kragen aus Rest- und Musterstoffen eines Hemdenherstllers. Foto: Aluc

Die Farben und Schnitte sind klassisch, ein abknöpfbarer Kragen in einem anderen Muster ist das einzig Auffällige. „Ein Hemd verschleißt ja am Kragen zuerst, außerdem hat man so zwei Styles in einem“, sagt Barsch. Genäht werden die Entwürfe in Behindertenwerkstätten. „Uns war von Anfang an wichtig, dass alles stimmig ist und unser Label sozial, regional und fair  produziert.“ Aus ihren eigenen Resten lassen Aluc Taschen und Portemonnaies nähen, so werden auch die kleinsten Stoffreste noch verarbeitet.
Um ihre Idee weiterzuverbreiten haben Aluc Ende 2011 in Berlin-Mitte den Upcycling Fashion Store eröffnet, neben ihrem eigenen Label gibt es die Mode ihrer Vorbilder From Somewhere aus London oder das estnische Label Reet Aus, die Textilabfälle von einem der größten Textilproduzenten Bangladeschs beziehen. Einmal im Monat wird der Store zum „Strich und Faden-Modestammtisch“, Designer treffen sich hier und arbeiten an neuen Projekten wie einer Upcycling-Modenschau beim Sommerfest der Stadtmission.
Timo Perschke sitzt 300 Kilometer weiter nordwestlich, in Kiel, und verfolgt ein ähnliches Ziel. Auch er nutzt Abfall, um Mode zu machen, in seinem Fall: Ski- und Outdoor-Kleidung. Perschke, 39, hat vor fünf Jahren Pyua gegründet, weil er einerseits eine Entdeckung machte, andererseits, weil er davor frustriert war.
Damals arbeitete er in der Marktforschung und Produktentwicklung eines Sportartikel-Großkunden und fand bei einem japanischen Zulieferer recyceltes Polyester. „Ich war überzeugt und habe das Material in unser Programm aufgenommen“, sagt er, denn durch das Recycling sind große Einsparungen beim CO2-Ausstoß und Energieaufwand möglich, „und chemisch ist das nicht zu unterscheiden von Virgin Polyester.“
Weil bei seinen Großkunden die erhoffte Begeisterung ausblieb, machte er sich selbstständig. Die Aufklärung des Verbrauchers ist das Zeitaufwendigste, sagt er, „man muss den Leuten die Angst nehmen, dass sie ein minderwertiges Produkt kaufen“. Seine Skijacken und -hosen haben dieselben Leistungswerte wie neu hergestellte von herkömmlichen Sportmarken. „Wir testen unsere Outdoor-Kleidung gemeinsam mit Bergführern in Lech am Arlberg sowie Ski- und Snowboardlehrern in verschiedenen Orten“, sagt Perschke „und da hat noch keiner gefroren oder ist nass geworden“. Er lässt seine Produkte in denselben Laboren testen, wie Greenpeace während ihrer Detox-Kampagne. Gefunden habe man in seinen Sachen bisher nie etwas, sagt Perschke, sie tragen alle das bluesign-Label.
Den Rohstoff für seine Kleidung bekommt Perschke unter anderem durch die Hamburger Firma Textil-Recycling K. & A. Wenkhaus GmbH aus bundesweiten Altkleidersammlungen. „So eine Jacke wird einfach in den Häcksler geschmissen“, erklärt er, „im Anschluss wird sortiert nach wiederverwertbar im Closed-Loop-Recyclingsystem. Sortenreines Polyester wird zum Beispiel wieder aufbereitet, andere Materialien wie beispielsweise Reißverschlüsse werden minderwertigen Baustoffen zugeführt. Danach werden bei einem chemischem Recycling die Farbpigmente rausgeholt und später neu eingefärbt“. Das Tolle daran sei, dass der Polyester-Kreislauf unbegrenzt ist. Aus einer Skijacke wird eine Skijacke, wird wieder eine Skijacke.
Mittlerweile hat Pyua zehn Mitarbeiter und stellt 10.000 Skijacken und -hosen im Jahr her. Die Jacken kosten zwischen 300 und 600 Euro, Hosen gibt es für 200 bis 400 Euro. Herkömmliche Skibekleidung ist, je nach Marke, nicht viel günstiger.
Andere nachhaltige Labels liegen mit ihren Preisen noch deutlicher über denen der klassischen Konkurrenz. Das ist einerseits verständlich – die sozial faire Fertigung und Rohstoffe aus ökologischem Anbau sind zwangsläufig teurer. Andererseits entscheidet sich die Frage, ob grüne Mode massentauglich wird, auch an der Preisentwicklung, sagt Katharina Wehrli. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der Plattform GetChanged!, das Verbrauchern Orientierung bieten will. „Der Markt wächst dynamisch und die Kunden sind interessiert. Aber sie sind verwirrt. Sie wissen nicht, welchen Zertifikaten sie vertrauen und wo sie einkaufen können.“ Grüne Mode ist noch die Ausnahme in den gängigen Einkaufspassagen, was bedeutet, dass Kunden gezielt danach suchen und vielfach online bestellen müssen. GetChanged! empfiehlt Anbieter und weist den Weg zu ihnen. Wehrli sagt aber auch: „Die Mode muss günstiger werden. Dann wird sie für noch mehr Menschen interessant.“

Made in Germany: Wedges aus mit Rhabarber gegerbtem Leder mit Pappelholzsohlen von Deepmello. Foto: Deepmello

Zum Beispiel die Lederwaren von Deepmello. Hinter dem Label steht Gründerin Anne-Christin Bansleben. Die 35-jährige chemische Pflanzenanalytikerin aus Bernburg bei Magdeburg stieg erst vor drei Jahren ins Modebusiness ein. Bis dahin forschte sie nach einer natürlichen Alternative zur Gerbung von Leder, für die in der Regel Chrom verwendet wird. Hersteller profitieren von dem Verfahren – es ist schnell und das entstehende Leder reißfester als bei der pflanzlichen Gerbung. Für die Umwelt und die Gesundheit hingegen ist es nicht unbedenklich.
Bei ihrer Suche nach einer Technik, die der Qualität der Chromgerbung in nichts nachsteht, das Ergebnis aber auch für Allergiker geeignet ist, wurde von Bansleben bei der urdeutschen Pflanze Rhabarber fündig, genauer: bei einem Extrakt der Rhabarberwurzel. Bansleben nannte den Vorgang „Rhabarberleder“ und ließen das Verfahren schützen. „Weil wir als Forscher schon immer sehr anwendungsbezogen gearbeitet haben, wollten wir nicht, dass unsere Ergebnisse zum Rhabarberleder irgendwo in den Schubladen verschwinden“, sagt sie. „Wir wollten etwas machen, was dem Verbraucher nutzt.“
Mittlerweile besitzen sie eigene Rhabarberfelder, die Lederhäute stammen von deutschen Rindern, auch die Gerbung findet hierzulande statt. „Als wir das fertige Material entwickelt hatten, haben wir beschlossen, nicht nur das Material zu verkaufen, sondern unser eigenes Label zu gründen“. 2010 war es soweit.
Seitdem arbeiten Bansleben und ihre zwei Kollegen mit Designern, die nach ihren Vorgaben Schuhe, Taschen und Kleidung aus Rhabarberleder entwerfen. Die Stücke haben allerdings ihren Preis. Eine iPad-Hülle gibt es bei Deepmello ab 199 Euro, Leder Wedges mit Sohlen aus deutscher Pappel gehen bei 349 Euro los, eine Jacke aus Rhabarberleder kostet 999 Euro.
Anne-Christin Bansleben ist Quereinsteigerin. Das ist nicht typisch für die Szene, aber auch keine Überraschung. Ausbildungsstätten, die das nötige Wissen vermitteln und Kontakte bereit halten, fehlen noch. Wer sich auf diesem Feld spezialisieren will, muss es auf eigene Faust versuchen. Lediglich die private Kunsthochschule für Mode in Berlin, Esmod, bietet eine Weiterbildung an: den Master in „Sustainability in Fashion“. Es ist nach Angaben der Schule der erste Studiengang seiner Art in Deutschland.

Ein anderer Anlaufpunkt für Designer wurde vor vier Jahren aus der Branche heraus gegründet. Damals fand Jana Keller, 33,  keine passende nachhaltige Messe, auf der sie ihre edlen Accessoires präsentieren wollte. Also tat sie sich mit Magdalena Schaffrin, 34, zusammen, die grüne Luxusmode entwarf, und stellten auf der Fashion Week 2009 den ersten Green Showroom zusammen. 16 Labels waren damals dabei. Im Juli dieses Jahres zeigten doppelt so viele ihre Arbeiten.

Jana Keller entwirft Accessoires aus Biolachshaut – ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Foto: Royal Blush by Jana Keller

Keller stellt Accessoires her, Gürtel und Armreifen etwa, deren Aussehen Schlangenleder ähnelt. Tatsächlich aber stammen die pflanzengegerbten Häute von irischen Biolachsen und sind ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Die 33-Jährige würde es nicht akzeptieren, wenn für ihr Label Royal Blush by Jana Keller eigens Tiere sterben müssten.
Keller und Schaffrin treiben die Branche mittlerweile auf zwei Wegen voran: Sie entwerfen Mode und organisieren zwei Messen, den Green Showroom und die Ethical Fashion Show. Beide Schauen haben sich zu Highlights entwickelt. Models schweben über den Laufsteg, rechts und links davon sitzen dichtgedrängt Einkäufer, Journalisten und Blogger, und auch wenn alle wissen, dass diese Mode irgendwie anders, besonders ist: Man vergisst es schnell. Einen Unterschied zu herkömmlicher Mode kann man schon längst nicht mehr erkennen.

In Cool und Fair! 2 erfahrt Ihr  mehr über die großen Textilketten und ihre nachhaltigen Kollektionen. Kirsten Brodde hat mir hier verraten, wie ernst es den großen Textilern damit wirklich ist. Oder ihr besorgt Euch die enorm-Ausgabe vom Oktober mit der kompletten Geschichte und dem Fair Fashion-Booklet.

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