Accessoires, Interview

Upcycling-Pioniere

Seit 20 Jahren stellen die Brüder Markus und Daniel Freitag wetterfeste Taschen aus LKW-Planen her. Zum Radfahren geeignet, so die Idee damals. Vom Kult wurden sie zum Klassiker mit unzähligen Nachahmern. Foto: Roland Tännler

Seit 20 Jahren stellen die Brüder Daniel und Markus Freitag wetterfeste Taschen aus alten LKW-Planen her. Zum Radfahren geeignet, so die Idee damals. Vom Kult wurden sie zum Klassiker mit unzähligen Nachahmern. Foto: Roland Tännler

Teamarbeit unter Brüdern

Daniel und Markus Freitag nähten vor rund 20 Jahren ihre erste Tasche aus LKW-Planen. Der Grund: Die Brüder und Designer wollten ihre Entwürfe auf dem Rad durchs verregnete Zürich transportieren, sie fanden aber keine robuste, wasserdichte Tasche dafür. Also setzen sich die beiden an die Nähmaschine, nach einem halben Tag war die erste Freitag-Tasche geboren: aus einer ausgemusterten LKW-Plane, einem gebrauchten Autogurt und einem alten Fahrradschlauch. Der Prototyp war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Ich habe Daniel und Markus Freitag im Berliner Freitag-Store getroffen und mit ihnen über Upcycling, neue Produktideen und die Zusammenarbeit unter Brüdern gesprochen.

Der Berliner Freitag-Store ist in der hippen Mitte Berlins, dort wo der Fernsehturm zum Greifen nah ist. Innen: Betonboden, von der Decke hängen rostige Stahlträger mit Seilzug. In den Regalen: Freitag-Taschen in rot, gelb, blau oder bunt, großzügig dekoriert. Kühler Industriecharme. Die Begrüßung ist dafür umso herzlicher. Daniel und Markus Freitag, 42 und 43, tragen Pulli zur Chino, das schwarze Haar kurz, Daniel, der Jüngere, hat einen Bart.

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Ihr habt vor 20 Jahren damit angefangen, aus alten LKW-Planen, die eigentlich auf dem Müll landen, Taschen zu machen. Heute ist Upcycling Trend. Ihr seid quasi die Vorreiter?

Daniel Freitag: Uns freut, dass das Beispiel Freitag Schule macht. Man sollte Upcycling aber nicht nur wegen des Upcyclings machen. Es macht Sinn, aus einer LKW-Plane, die robust und wasserdicht ist, eine Tasche zu machen. Man muss ein bisschen aufpassen, dass man beim Upcycling nicht einem problematischen Material ein Alibi verschafft. Die Wirkung und das Material und das Storytelling müssen zusammenpassen, das ist ja auch bei Freitag so wichtig. Dadurch, dass wir ein Unikat produzieren, wird das auch lesbar.

Original: Die Kulttaschen der 90er Jahre sind heute Klassiker und werden in unterschiedlichen Designs weltweit verkauft. 400.000 Stück alleine im vergangenen Jahr. Foto: Freitag

Original: Die Kulttaschen der 90er Jahre sind heute Klassiker und werden in unterschiedlichen Designs weltweit verkauft. 400.000 Stück alleine im vergangenen Jahr. Foto: Freitag

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Eure Idee hat viele Nachahmer gefunden. Was war die kurioseste?

Markus Freitag: Die Schweizer Warenhauskette Migros hat vor 15 Jahren die Donnerstag-Tasche gemacht. Die wurde in China produziert und kostete ein Viertel von unseren Taschen. Das war eigentlich ein Kompliment, weil die Referenz ganz klar unser Original war. In den Hauptnachrichten am Abend hieß es: Die Migros kopiert die kleine Firma Freitag. Wir wurden dank dieser Kopie überhaupt erst bekannt. Das hat uns in der Schweiz zum Durchbruch verholfen. Das war ein Glückstreffer. Wenn du kopiert wirst, wirst du zum Original, wenn dich keiner kopiert, bist du ein Produkt.

Daniel Freitag: Die sklavische Nachahmung unserer Freitag-Taschen, ist problematisch. Über die Kopie unseres Prinzips freuen wir uns.

Originale: Die Kulttaschen der 90er Jahre sind heute Klassiker und werden in unterschiedlichen Designs weltweit verkauft. 400.000 Stück alleine im vergangenen Jahr. Foto: Freitag

Taschenlager voller Freitag-Unikate. Allesamt hergestellt aus ausgemusterten LKW-Planen, gebrauchten Autogurte und alten Fahrradschläuchen. Foto: Freitag

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Es gibt jetzt zwei Freitag-Taschenlinien. Was kommt als nächstes?

Daniel Freitag: Da gibt es Ideen und Versuche. Wir sind ein bisschen stolz, dass wir bisher so konsistent waren und den Taschen und dem Material treu geblieben sind. Man kann sich schon auch mal überlegen, etwas Neues zu produzieren, wenn man ganz klar an das nächste Leben des Materials denkt. Eigentlich ist von Mode bis Möbel vieles denkbar.

Markus Freitag: Es gibt noch ein paar Taschen, die in unserer Kollektion fehlen, die sind zuoberst in unserer Todo-Liste.

Die Zweitlinie „Reference“ ist eleganter und einfarbig. Für die erwachsen gewordenen Freitag-Fans. Klassisches Understatement auf Schweizerisch. Foto: Pierluigi Macor

Die Zweitlinie „Reference“ ist eleganter und einfarbig. Für die erwachsen gewordenen Freitag-Fans. Klassisches Understatement auf Schweizerisch. Foto: Pierluigi Macor

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Markus Freitag, in einem Interview hast  Du mal gesagt, „Wir arbeiten heute noch wie im Kinderzimmer“. Wie sah das damals aus und wie arbeitet ihr heute zusammen?

Markus Freitag: Als wir sieben und acht waren, sind wir mit unseren Eltern in ein altes Bauernhaus umgezogen. Und dort gab es einen Schopf – also so ein kleines Häuschen hinterm Haus – mit einer voll eingerichteten Werkstatt. Der Wald war vor dem Haus, Material und Werkzeug vorhanden. Ich glaube, diese Unmittelbarkeit, diese Effizienz, die wir schon im Kinderzimmer gelernt haben, haben wir wieder eingeführt. Unser Büro ist heute wieder so ein Lieblingszimmer, wir haben dort eine Werkstatt eingerichtet. Sobald eine Idee entsteht, zeichnen wir sie oder bauen einen Prototypen. Heute haben wir ein Designteam, die uns helfen, unsere Ideen umsetzen, weil wir gar nicht mehr die Zeit haben, alles selber zu machen.

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Ihr beide seid ja nur 14 Monate auseinander, Daniel, du bist der Jüngere. Gibt es eine Rollenteilung?

Daniel Freitag: Nach außen nicht einfach kommunizierbar (Beide lachen).

Markus Freitag: Intuitiv gibt es bei uns eine Arbeitsteilung, die recht gut funktioniert. Und das hat sicher damit zu tun, dass wir uns schon 42, 43 Jahre kennen. Der Eine macht den ersten Schritt, der Andere beobachtet und versucht seinen Beitrag zu leisten, oder versucht das noch mal in Frage zu stellen oder versucht, was der Erste vorgelegt hat, sportlich zu überbieten. Und so entsteht eine konstruktive Energie. Manchmal dreht man sich aber auch im Kreis (lacht). Ich stelle mehr in Frage. Wenn ich heute was gut finde, überlege ich am nächsten Morgen, reicht das noch oder könnte noch mal Eins drauflegen. Das mache ich am liebsten im Gespräch.

Daniel Freitag: Ich bin da ein bisschen geduldiger. Ich gehe gerne in die Tiefe, tüftle Sachen aus und bin ein bisschen ausdauernder.

GRÜN IST DAS NEUE SCHWARZ: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Freitag-Brüder verabschieden sich. Daniel Freitag rückt im Vorbeigehen ein Regalbrett zurecht, damit die schmale blaue Reverence-Handtasche Ottendorfer drauf nicht runterfällt.

Bevor die Ottendorfer-Tasche im Regal eines Freitag-Stores steht oder von den Schultern ihrer Träger baumelt, war sie eine LKW-Plane. Foto: jgxdh.com

Alle Freitag-Stores und -Händler findet ihr hier oder ihr schaut in den Freitag Online-Shop.

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