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Lohn zum Leben

Noch ist es friedlich. In Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh kam es um die Jahreswende 2014 zu gewalttätigen Niederschlagungen der friedlichen Proteste und Demonstrationen der Textilarbeiter. Foto: Inkota e. V./Clean Clothes Campaign

„Wir werden streiken, egal was dabei passiert und wenn ich dabei sterbe“

In Kambodscha demonstrieren wieder Textilarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen und eine Erhöhung des Mindestlohns. Eine halbe Million Menschen arbeitet dort in rund 500 Textilfabriken, sie stellen Kleidung und Schuhe für H&M, GAP, Levis, Adidas, ZARA und andere große Textilmarken her.
In den ersten acht Monaten diesen Jahres hat Kambodscha Textilien im Wert von fast vier Milliarden US Dollar in die ganze Welt exportiert, Tendenz steigend. Eine Näherin verdient aber so wenig, dass sie von ihrem Lohn kaum die Familie ernähren kann, erzählt mir die Aktivistin Sean Sophon, 41. Warum sie sich engagiert, welche Risiken sie dabei in Kauf nimmt und warum sie in Deutschland nach Unterstützung sucht, sagte sie mir beim Interview in Berlin.

Im Dezember und Januar gab es massive Proteste bei Demonstrationen der Textilarbeiter in Kambodscha. Warum haben Sie demonstriert und was ist seitdem passiert?
Sean Sophon: Ich arbeite seit 12 Jahren als Näherin in einer großen Textilfabrik in Phnom Penh mit 1300 Mitarbeitern. 1000 davon sind in der Textilgewerkschaft, ich selbst bin seit fünf Jahren Gewerkschaftsmitglied. Im Juli letzen Jahres begannen wir mit Protesten und Streiks für eine Erhöhung unseres Mindestlohns von 80 auf 160 US Dollar im Monat.. Am 1. Januar wurde ein Generalstreik ausgerufen, bei dem es zu schweren Ausschreitungen vor unserem Betrieb kam. Die Polizei schoss in die Menge, dabei starben fünf Menschen, mindestens 45 wurden dabei verletzt. Einen Tag später wurde ich und die anderen Aktivisten von der Polizei verhaftet und eingesperrt. Ich saß vier Monate im Gefängnis. Mir wurde vorgeworfen, dass ich die anderen Arbeiter zum Streik angestiftet hätte. Eigentlich wollte wir schlichten.

Was ist seither geschehen?
Wir streikten solange, bis alle Inhaftierten aus dem Gefängnis entlassen wurden. Nach dem Streik bekamen wir 100 US Dollar Monatslohn. Dafür wurden aber Menschen getötet. Außerdem fordern wir von der Regierung, dass sie die Verantwortlichen für die Toten und Verletzten sucht. Bisher ist nichts geschehen. Auch von unserer Firma gab es keine Entschädigung für die Hinterbliebenen und die Verletzten. Ein paar von uns 23 Aktivisten können seitdem nicht mehr laufen.

Sie engagieren sich freiwillig in der Gewerkschaft, welche Folgen hat das für Sie?
Wenn wir kämpfen und Forderungen stellen, dann suchen die Firmeninhaber bei uns Gewerkschaftsmitgliedern nach Fehlern. Eine Forderung gleich acht Fehler. Egal wohin wir gehen oder wo wir kämpfen, werden wir bedroht.

Die kambodschanische Näherin und Gewerkschafterin Sean Sophorn (2. von re.) erzählt mir (li.) in Berlin von ihren Erlebnissen bei den Protesten in Kambodscha und warum sie und ihre Mitstreiterinnen einen Mindestlohn von 177 US Dollar fordern. Foto: Inkota e. V./Berndt Hinzmann

Wie viel Geld brauchen Sie im Monat zum Leben?
Mein Mann ist Bauarbeiter, wir haben zwei Kinder, die sind 14 und 17 Jahre alt und arbeiten noch nicht. Wir brauchen 200 bis 300 Dollar im Monat. Dann müssen wir aber an allen Ecken und Enden sparen. Ich bekomme 100 Dollar Grundlohn im Monat, ich mache Überstunden und arbeite an Wochenenden und Feiertagen, dann kriege ich ein bisschen mehr. 100 Dollar – das ist nicht einmal so viel, wie ein Minister für seinen Hund ausgiebt. Unsere Mietwohnung kostet 50 Dollar, Wasser und Strom kosten extra. Dann müssen wir Reis und Lebensmittel kaufen. Es bleibt am Monatsende nichts übrig. Unsere Kinder haben keine Zukunft, wir haben kein Geld für die Schulausbildung. Wir haben niemals genug zu Essen.

Ihre Gewerkschaft fordert jetzt eine Lohnerhöhung auf 177 US Dollar?
Unser Leben wird immer teurer, weil die Preise in Kambodscha stark steigen, das ist ein Problem. Deshalb fordern wir jetzt 177 Dollar, doch das ist erst der Anfang.
Ich habe für diese Reise nach Deutschland einen Kredit von 300 Dollar aufgenommen, dass ich ein bisschen Geld habe. Dafür muss ich aber 60 Dollar Zinsen bezahlen. Wenn sie einmal einen Kredit aufgenommen haben, dann kommen sie nicht mehr raus aus der Spirale. Es gibt schon sehr viele Selbstmorde deswegen.

Was ist der Grund für Ihre Reise nach Deutschland?
Wir hoffen, dass wir hier Unterstützung bekommen, von der Regierung, von den Gewerkschaften, von Organisationen. Wir hoffen, dass die Textilfirmen, die hier in Europa sind und ihre Kleidung hier verkaufen, über unsere Forderungen von 177 US Dollar Monatslohn prüfen und zustimmen. Und dass die Regierungen Druck auf die Firmen machen und dass auch die Verbraucher wissen, um was wir kämpfen. Wir kämpfen nur um 177 US Dollar, das sind 90 Cent Stundenlohn!
Wir wollen einen weiteren Streik vermeiden. Aber wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bald ungewollt streiken.

Gibt ein Ultimatum?
Im November wird noch einmal verhandelt – wir wissen aber noch nicht genau wann.

Was gibt ihnen persönlich die Motivation, die Stärke und die Kraft sich für die Gewerkschaft zu engagieren?
Ich sehe zu viel Unterdrückung, durch die Regierung, durch die Firmeninhaber, durch die Investoren. Und da habe ich gesagt, ich engagiere mich. Das ist keine leichte Arbeit und keine leichte Entscheidung. Ich habe deshalb viele Probleme. Mein Mann ist sehr dagegen. Er hat Angst um mein Leben. Er hat mich öfter gefragt, kriegst du dafür Geld, wirst du dafür bezahlt? Ich habe ihm erklärt, warum ich das mache, warum ich mich engagieren muss. Naja, das hat er verstanden. Wir Gewerkschaftsführerinnen sind bei Streiks und Demonstrationen immer in der ersten Reihe. Wir sind die ersten, die mit der Polizei konfrontiert werden.

Haben Sie selbst keine Angst?
Ich habe Angst. Aber ich habe gesagt, ich habe angefangen, das ziehe ich jetzt durch, ich kämpfe für die Gesellschaft. Ich habe auch Probleme mit meinem Boss, er wollte mich bestechen, damit ich mit meinen Aktivitäten aufhöre.
Helfen Sie uns, dass wir unsere Forderungen erfüllt bekommen. Sie sind nicht groß, nur 177 Dollar pro Monat. Wir geben nicht auf, wenn wir die 177 Dollar nicht bekommen, werden wir streiken, egal was passiert, egal, ob ich sterbe oder nicht.

Herzlichen Dank.

Weitere Infos findet Ihr hier oder bei Twitter: #weneed177

Inkota e. V. und die Clean Clothes Campaign unterstützen die Textilarbeiter in Kambodscha. Wer die Petition „Pay garment workers a living wage“, unterstützen möchte, findet weitere Infos hier

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