Interview

Outdoor

Auszug aus meinem Outdoor-Special, erschienen in enorm August/September 2014. Foto: Ellen Köhrer

Auszug aus meinem Outdoor-Special, erschienen in enorm August/September 2014. Foto: Ellen Köhrer

„Kleidung ohne Chemie wird es nicht geben“

Worauf muss man achten, wenn Outdoorkleidung keine Chemie enthalten soll? Im Interview erklärt Manfred Santen von Greenpeace , welche Möglichkeiten wir Verbraucher haben und welche Unternehmen auf Alternativen setzen

MANFRED SANTEN, 56, ist Chemieexperte bei Greenpeace und mit verantwortlich für die „Detox“-Kampagne, die über Gifte in Textilien aufklärt

Herr Santen, Greenpeace hat 2013 umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien in Outdoorbekleidung nachgewiesen. Haben die Ergebnisse die Branche zum Umdenken gebracht?
Ja, die Firmen sind aktiv geworden. Sie suchen intensiv nach weniger umweltschädlichen Alternativen zu den per- und polyfluorierten Chemikalien, mit denen sie ihre Kleidung wasserdicht machen können. Diese Entwicklung haben wir in Gang gesetzt. Adidas hat sich im Juni dazu verpflichtet, bis Ende 2017 einen Großteil seiner Produkte fluorfrei zu produzieren. Adidas als große Marke ist ein gutes Zugpferd. Andere Sport- und Outdoormarken werden diesem Beispiel sicherlich folgen.

Gibt es Alternativen zu den per- und polyfluorierten Chemikalien?
Die gibt es. Aber Material wasserdicht machen, das kann nicht nur eine andere spezifische Chemikalie. Man muss also schauen, welche Funktionalität man benötigt, dann kann man nach einer geeigneten Alternative suchen. Das heißt, es braucht ein Umdenken in den Unternehmen, in der Chemieindustrie, aber auch beim Konsumenten.

Auf was muss der Käufer achten, wenn er so wenig Chemie wie möglich haben will? Gibt es Siegel, denen man vertrauen kann?
Das ist schwer, da ist im Moment viel im Umbruch. Produkte aus Polyester, die nach dem Gebrauch recycelt werden können und für die ein vernünftiges Rücknahmesystem existiert, sind ein Schritt nach vorne. Eine wasserabweisende Wirkung und Wasserdichtigkeit gibt’s nur mit Chemie. „Grüne Chemie“ mit derselben Funktion wird es nicht geben. Wir empfehlen, auf PFC-freie Kleidung und Ausrüstung zu achten. Jack Wolfskin, Maier Sports, Fjällräven, Elkline und Klättermusen haben PFC-freie Produkte. Pyua produziert komplett PFC-frei. Man muss aber suchen und nachfragen. Nur wenige Marken zeichnen ihre Produkte als PFC-frei aus.

Was ist mit dem Bluesign-Siegel, das man häufig findet?
Bluesign sagt eigentlich nichts über den Einsatz von Fluorchemie aus, außer, dass die besonders gefährlichen Substanzen PFOA und PFOS nicht eingesetzt werden.

Wo liegt der Unterschied zwischen Goretex und Sympatex?
Goretex und Sympatex sind Markennamen für die Membran, für das Gewebe. Sie sorgt dafür, dass ein Produkt wasserdicht ist. Ich würde zu Sympatex raten, weil das eine fluorfreie Membran ist. Sympatex ist genauso wasserdicht wie Goretex, nur mit einer anderen Chemie. Die Unterscheidung zwischen Wasserdichtigkeit und Wasserabweisung ist wichtig. Was der Kunde als Komfort noch obendrauf haben will, also Wasser- und Schmutzabweisung, das ist ein eigener Produktionsschritt. Unternehmen wie Rudolf oder Schoeller liefern die Wasserabweisung Durable Water Repellency, die sogenannte DWR-Ausrüstung. Die kennt aber keiner.

Das klingt kompliziert. Wie gut kennen sich Verkäufer aus?
Ja, es ist kompliziert. Wenn sie in eine Filiale von Globetrotter gehen und etwa nach Imprägniersprays mit oder ohne Fluorchemie fragen, dann finden sie meistens einen Berater, der schon relativ viel weiß. Man merkt, dass die geschult sind. Aber insgesamt haben sowohl die Industrie als auch der Handel noch viel Nachholbedarf.

Kann man sagen, die Outdoorbranche verwendet weniger Chemikalien als die restliche Bekleidungsbranche?
Dafür ist es zu früh. Man muss den Firmen auch ein bisschen Zeit geben. Jetzt sind sie in der Forschung und Entwicklung. H&M und Marks & Spencer haben bereits fluorfreie Kleidung in den Läden. Das sind zwar keine Outdoorfirmen, aber sie verkaufen auch Kleidung mit der Funktion Wasser- und Schmutzabweisung. Beide Unternehmen sind groß und produzieren hohe Stückzahlen. Wenn die keine Fluorchemie mehr benutzen, hat das positive Auswirkungen auf die Umwelt in China. Aber zu sagen, der eine Sektor ist besser als der andere – da müssen wir noch ein Jahr warten.

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