Interview

Lily Cole

Sreccenshot: Fashion Made Fair. Ellen Köhrer, Magdalena Schaffrin, Prestel. Foto: Emir Eralp

„Ich bin total für Slow Fashion“

Interview mit Lily Cole, Model, Schauspielerin und Sozialunternehmerin, über Slow Fashion, ihre Plattform mit Sozialprojekten Impossible.com und wie sie den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus kennenlernte.

Sie wurden durch Ihre Arbeit als Model in der traditionellen Modeindustrie bekannt, die steht im starken Kontrast zum Glauben an Nachhaltigkeit und sozial nachhaltige Unternehmen. Wie gelingt es Ihnen, diese beiden Welten zu vereinen?
Durch meine Tätigkeit in der Modebranche konnte ich die Lieferketten [der Mode] kennenlernen, die hätte ich ansonsten nicht verstanden, und für diese Chance bin ich dankbar. Mit der Zeit habe ich immer öfter mit Marken zusammengearbeitet, die versuchen, auf verantwortungsvollere Weise zu produzieren, und ich bin optimistisch, dass diese Art der Modeindustrie wachsen wird – vielleicht eines Tages so sehr, dass sie zur Norm wird.

Sie sind Gründerin der sozial nachhaltigen Unternehmenscommunity Impossible und Gründungsmitglied des ethischen Webshops Not Impossible. Welche Idee verbirgt sich hinter diesen beiden Sozialunternehmen?
Im Jahr 2014 gründete ich Impossible.com als Plattform, auf der man seine Fähigkeiten und Dienstleistungen teilen kann, um auf diese Weise die Schenkökonomie und ihre Community zu fördern. Ein Jahr später riefen Kwame Ferreira und ich Not Impossible (not.impossible.com) ins Leben. Diese Weiterführung von Impossible ist eine Plattform, um Produktprozesse transparent zu machen. Mit Not Impossible wollten wir ein größeres Publikum erreichen, sozial verträgliche Unternehmen ermutigen und versuchen, die wirtschaftliche Realisierbarkeit verantwortungsbewusster Produktion zu steigern. Es geht auch darum, dass die Kunden die Komplexität von Lieferketten verstehen, damit sie besser nachvollziehen können, welche Wirkungen ihre Kaufentscheidungen haben.

Könnten Sie kurz das Konzept hinter Impossible erklären?
Impossible ist eine Community von Menschen auf der ganzen Welt, die einander durch eine Giving-Struktur helfen. Die Motivation dafür entstand aus dem Wunsch, einen stärkeren Gemeinschaftssinn und größeren sozialen Zusammenhalt durch kleine Akte von Freundlichkeit sowie einen nicht-ökonomischen Austausch zu fördern.

Sie nannten Transparenz als einen wesentlichen Schwerpunkt der Webseite Not Impossible. Wie kann Transparenz Nachhaltigkeit stärken?
Ich glaube, die Entscheidungen der Kunden beeinflussen die Geschäftspraktiken und die Politik in hohem Maße. Doch selbst für einen Kunden mit den besten Absichten ist es schwierig, durch seine Kaufkraft eine positive Wirkung zu erzeugen, wenn er nicht die Informationen hat, aufgrund derer er entscheiden kann, welchen Marken er trauen kann und für welche Produktionsbedingungen sein Geld verwendet wird. Mehr Transparenz zielt also darauf ab, den Konsumenten zu befähigen, nachhaltigere Produktionsprozesse zu stärken.

Screenshot: buyimpossible.com

Wie wählen Sie die Produkte für den Shop Not Impossible aus?
Die ersten Produkte wurden von mir oder meinem Partner entwickelt. Dadurch haben wir die Lieferketten genau kennengelernt und wissen jetzt, dass wir ihnen vertrauen können. Da wir nun expandieren und Dritte einladen, mitzumachen, fangen wir an, auf der Basis von Recherchen und Empfehlungen zu arbeiten. Wir haben uns mit mehreren Organisationen wie Livia Firths Firma Eco-Age zusammengetan, um unser Nachforschungs- und Prüfungspotenzial zusammen zu bringen und die Firmen, von denen wir glauben, dass sie verantwortungsbewusst arbeiten, bestmöglich zu beurteilen. Auch das Design spielt bei der Entscheidung darüber, was wir anbieten, eine Rolle, weil wir glauben, dass verantwortungsbewusste Produkte nicht an Qualität oder Ästhetik einbüßen sollten.

Ihr Projekt ist das erste Yunus-Sozialunternehmen in Großbritannien. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Muhammad Yunus?
Ich lernte Professor Muhammad Yunus 2012 in Davos kennen. Im Sommer desselben Jahres fuhr ich nach Bangladesch zum Social Business Day, um die Sozialunternehmen, die er dort entwickelt hat, kennenzulernen. Mich inspirierte sein Konzept des Sozialunternehmens als Mittelweg zwischen Geschäft und Wohltätigkeit, und deshalb haben wir seine Grundsätze in unseren Gesellschaftsvertrag für Impossible integriert.

Was waren bisher die größten Herausforderungen bei der Führung eines Sozialunternehmens?
Es war schwer, finanzielle Unterstützung für Yunus’ Modell eines Sozialunternehmens zu finden, da es so neu ist und noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit erregt wie Philanthropie oder herkömmliche Unternehmen. Auch war es sehr schwierig, das Unternehmen zum Laufen zu bringen – umso mehr, wenn man nach sozialen und umweltbewussten Vorgaben handeln will! Die Produkte kosten in der Herstellung letztlich mehr, und man muss sich auf einem Markt behaupten, wo die Leute erwarten, alles so billig wie möglich zu bekommen. Es herrscht in der Regel wenig Verständnis dafür, wie viel es tatsächlich kostet, wenn man die Dinge auf die »richtige« Art und Weise produziert.

Wieso interessieren Sie sich persönlich für das Thema Nachhaltigkeit?
Weil ich diesen Planeten, die Natur und die Menschen für ziemlich cool halte und es schön wäre, nicht alles innerhalb der nächsten Generationen in die Luft zu jagen.

Vivienne Westwood hat einmal gesagt: »Buy less, choose well and make it last«. Sollten wir alle unser Verhalten dahingehend ändern, dass wir statt Fast Fashion mehr nachhaltige Kleidung kaufen, um unseren Planeten zu retten?
Ich stimme Vivienne völlig zu und habe oft schon Ähnliches gesagt. Dinge zu kaufen, die man liebt, die mit Liebe gemacht wurden und die halten, die man weitervererben kann und die nicht gleich wieder auf der Müllhalde landen, ist eine wesentlich gesünderes Konsumverhalten. Ich bin total für Slow Fashion.

LILY COLE, geboren 1987, stand mit 14 Jahren zum er sten Mal als Model vor der Kamera. Sie lief bei Modeschauen von Chanel, DKNY, Jean Paul Gaultier, Versace, Alexander McQueen, John Galliano und Louis Vuitton und gilt als Muse von Vivienne Westwood. Sie war auf den Covern der Vogue, ELLE und anderer großer Modemagazine und hat mit Fotografen wie Annie Leibovitz, Bruce Weber, Irving Penn, Karl Lagerfeld, Mario Testino, Patrick Demarchelier, Steven Meisel und Jürgen Teller zusammengearbeitet.
Als Schauspielerin spielte sie in diversen Filmen mit. Außerdem hat sie einen Master in Kunstgeschichte von der Universität Cambridge. 2009 war sie Co-Gründerin von The North Circular, einem nachhaltigen Strick- und Accessoire-Label, 2014 folgte die Co-Gründerschaft des Socialgiving-Networks Impossible und des Onlineshops Not Impossible. Lily Cole engagiert sich im Umwelt- und Tierschutz für verschiedene wohltätige Organisationen.

Das Interview stammt aus FASHION MADE FAIR, Ellen Köhrer + Magdalena Schaffrin, Prestel.

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